Kategorie: Musik


Facebook am Ostbahnhof

4. March 2010 - 12:38 Uhr

In dunklen, früheren Tagen waren wir alle verdammt zum dumpfen Konsum. Es gab drei Fernsehprogramme, den Internationalen Frühschoppen, die Tageszeitung. Die Medien sagten uns, wie die Welt funktioniert, und wir nahmen es ehrfürchtig zur Kenntnis. Wenn der SPIEGEL einen Leserbrief des Erdkundelehrers abdruckte, in der dieser mal kurz seinen Plan zur Beendigung des Kalten Krieges umriss, wurde er ausgeschnitten und in Klarsichtfolie verpackt ehrfürchtige herumgereicht.

Gestern gab es ein Konzert im Postbahnhof am Ostbahnhof. Wie es war? Bastian ist seine Wohnung immernoch nicht los. Bracelona was da bomb, maaan! Und, oh, die Jenny hatte so einen fiesen Virus, drei Tage sie flach gelegen, totaaaaal schlimm. Eine Schwarzhaarige in Lederjacke referiert über Dostojewski. Nebenbei waren die Tindersticks auch da, zufällig hatten sie ihre Instrumente dabei und sorgten für Hintergrundmusik. Ein bisschen zu laut vielleicht, aber nett. Das Publikum nutzt seine Gesprächspausen höflich, um einen wackligen Videofilm zu drehen und sofort (!!) ins Netz zu stellen, wo sich aller Voraussicht nach und zurecht niemand dafür interessieren wird.

Das Internezt hat uns alle zu Künstlern gemacht, zu Journalisten, Reportern, Filmemachern, subjektiv gefühlten Meinungsführern, die zu allem und vor allem IMMER etwas zu sagen haben. Dauerndes Geplapper als Lebenszeichen – auf Facebook wie im wirklichen Leben. Dazu kommt der Satan der digitalisierten Musik. Lieblingsplatten sind keine Kunstwerke mehr, sondern allgegenwärtige Soundblasen, Hintergrundgeräusch für das eigene Geplapper.

Es mag vorgestrig wirken, aber ich wünsche mir wieder mehr Leserbriefe statt Diskussionsforen, Telegramme statt SMSen, Tagebücher statt Facebooks und Konzertbesucher, die einfach mal die Klappe halten und der Band zuhören.

Kommentieren » | Allgemein, Gesellschaft, Medien, Musik

Stadionhymnen

5. June 2008 - 14:59 Uhr

Wie soll ich es den älteren Lesern erklären? OK… wenn die Arctic Monkeys die neuen Kinks sind und die Babyshambles Keith Moon, dann sind die Fratellis Slade minus geschmacklose Klamotten. Die Fratellis sind vier nette Jungs aus Schottland, die zudem noch ihre Instrumente richtigrum halten können. Vor zwei Jahren haben sie eine sehr spaßige Platte mit eingängigem Gitarrenpop (“Costello Music”) veröffentlicht. Dieser Tage erscheint das neue Album Here We Stand, das nahtlos an das Debüt anknüpft. Sie Songs haben einen hohen Mitsummfaktor, allein: Man kennt sie alle irgendwie schon.

Beim Konzert im Berliner Lido wurde aber das eigentliche musikalische Manko der Vier offensichtlich: Sie können nur Vollgas. Schnurrig wie ein Formel Eins-Motor nageln sie eine Stampfnummer nach der nächsten runter, Dynamik ist nicht so ihr Ding. Die Zuschauer erwarten ein spannendes Rennen, aber dummerweise ist nur ein Wagen auf der Piste. Nach der zweiten Runde wirds dann halt a bissel eintönig.

Sonst noch was? Jon Fratelli, der Gitarrist und Sänger, verbraucht 18 Gitarren für 15 Songs. Der Löwenanteil des Tourbudgets geht für sein mobiles Gitarrenmuseum drauf. Meine Prognose: In zwanzig Jahren wird uns Flathead mit neuem Text aus den Fankurven der Fussballstadien entgegenschallen wie heutzutage Go West oder Sailing. Wetten?

You need to a flashplayer enabled browser to view this YouTube video

Kommentieren » | Allgemein, Musik