Archiv für August 2008
Vom Web verweht
20. August 2008 - 12:53 UhrDie deutsche Politik fremdelt mit dem Internet. Ein Blick auf den Wahlkampf von Barack Obama zeigt, wie das Internet die politische Diskussion bereichern und gerade junge Menschen für Politik begeistern kann.
Für junge und gut ausgebildeten Menschen ist das Internet längst das Medium Nummer Eins. Besonders beliebt sind die sozialen Netzwerke des Web 2.0, die auf Interaktion der Nutzer ausgelegt sind. Junge Erwachsene nutzen Seiten wie Facebook oder Myspace so selbstverständlich wie das Fernsehen oder Handys. Sie hören hier Musik, tauschen Informationen aus und verabreden sich mit ihren Freunden. Barack Obama hat dieses Potential erkannt und das Web 2.0 in den Mittelpunkt seines Wahlkampfes gestellt.
Natürlich sind schon andere Politiker im Internet auf Stimmenfang gegangen, aber Obama ist wahrscheinlich der erste Politiker, der tatsächlich verstanden hat, wie das Internet funktioniert – er ist der erste „digitale Kandidat“, wie ihn der Medienexperte Rishad Tobaccowala bezeichnet. Seine Guerillataktik ist so erfolgreich, dass auch sein Gegenkandidat John McCain versucht, auf den Zug aufzuspringen. Sie wird auch in Deutschland die politische Kommunikation verändern wird.
Das Zauberwort, mit dem Obama das Internet zur Wahlkampfmaschine umfunktioniert hat, lautet Dialogfähigkeit. Wer hier seine Botschaften an passive Konsumenten verfüttern will, ist zum Scheitern verurteilt. Obama macht den Besuchern seiner Seiten das glaubwürdige Angebot, in einen Dialog mit dem Kandidaten zu treten. Die Besucher sollen sich einbringen, vernetzen und eigene Ideen entwickeln. Ihre Kommentare und Diskussionen werden genau verfolgt und fließen in den Wahlkampf ein. So lernt Obama von den Besuchern seiner Webseite, statt sie zu belehren. Und damit punktet er, nicht nur bei den jungen Wählern. Vor allem aber gewinnt er auf diese Weise an Glaubwürdigkeit.
Gerade die jungen amerikanischen Wähler nehmen das Angebot Obamas gern an. Mehr noch – sie lassen sich sogar zu einen aktiven Engagement motivieren, obwohl gerade die jungen Menschen sich besonders schwer für Politik begeistern lassen. Obamas Bilanz ist beeindruckend: bisher konnte er im Internet über zwei Millionen freiwillige Helfer für den Wahlkampf zu gewinnen. Tausende von Veranstaltungen wurden über die sozialen Netzwerke auf Initiative der Nutzer hin geplant und beworben – von Diskussionen im Wohnzimmer bis hin zu Großveranstaltungen. Mit Hilfe dieses Graswurzelwahlkampfs konnte sich Barack Obama gegen die Favoritin Hillary Clinton durchsetzen, die viel bekannter und in der demokratischen Partei besser vernetzt war.
Im Vergleich dazu lässt sich das Problem der deutschen Politik im Internet mit einem Wort beschreiben: Halbherzigkeit. Diese Halbherzigkeit zeigt sich vor allem darin, dass keine Partei ein einheitliches, schlüssiges strategisches Konzept für das Internet vorweisen kann. Sie bleiben durch die Bank in einer losen, unkoordinierten Ansammlung von Versuchen stecken. Dabei erinnert die Politik an die Kleinanleger des dotcom-Hypes Ende der neunziger Jahre. Irgendwie hat man das diffuse Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht auf den Zug aufspringt. Deswegen wird hier ein Blog eröffnet und dort ein Podcast ins Netz gestellt, aber eine echte Strategie oder ein grundlegendes Verständnis des Mediums findet man nirgends. Wenn der kurzfristige Erfolg ausbleibt, zieht man sich enttäuscht zurück.
Ein typisches Beispiel dafür ist der Umgang mit den sozialen Netzwerken im Web 2.0, dem Dreh- und Angelpunkt von Obamas Kampagne. Während sich bei ihm ein eigener Mitarbeiterstab um die Seiten kümmert und die Profile auf dem neuesten Stand hält, liefern die deutschen Politiker durch die Bank ein desaströses Bild. Ihre Auftritte auf MySpace, Facebook oder StudiVZ sind – wenn vorhanden – „unkoordiniert, unprofessionell, wenig authentisch – kurz lieblos“, wie eine Studie der Agentur newthinking communications urteilt.
Die Halbherzigkeit zeigt sich nicht nur in der fehlenden Gesamtstrategie, sie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Versuche der Politik, im Internet Fuß zu fassen. Vor Wahlkämpfen eröffnen Politiker und Parteien kurzfristig Blogs und speisen die Leser dort mit Pressemitteilungen ab – wundert sich eigentlich jemand ernsthaft, dass das niemanden interessiert? Die hölzernen Internetauftritte bestätigen lediglich die gängigen Vorurteile: Politik ist langweilig, dröge, opportunistisch und nimmt die Wähler nicht ernst. Ein prominentes Beispiel ist der Podcast von Angela Merkel – nebenbei immerhin der einzige deutsche Politikerpodcast mit nennenswerten Zugriffszahlen. Beim redlichen Versuch, modern und frisch zu wirken, bleibt die Kanzlerin auf halber Strecke stehen und verweigert sich der Diskussion mit den Nutzern. Damit wirkt sie auf junge Wähler so glaubhaft wie der legendäre Auftritt Oskar Lafontaines als Technotanzbär. Fürchtet sich die politische Klasse vielleicht vor einem Kontrollverlust? Wer sich im Internet auf Diskussionen einlässt, muss auch kritische Stimmen aushalten. Die SPD hat damit jüngst schlechte Erfahrung damit gemacht, als sie ein Forum sperrte, das sich kritisch mit dem Parteivorsitzenden Kurt Beck auseinandersetzte. Dabei hätte ein Blick nach Amerika gezeigt, wie allergisch die Netzgemeinde auf Zensur reagiert. Auch Barack Obama machte sich wenig Freunde, als er zu Beginn seiner Kampagne gegen inoffizielle Myspace-Profile vorging. Zu einer erfolgreichen Internetstrategie gehört auch ein dickes Fell.
Soziale Netzwerke sind nicht das Allheilmittel gegen die Politikverdrossenheit. Sei allein werden den Mitgliederschwund der etablierten Parteien nicht stoppen. Aber in einer Zeit, in der eine Partei schon stolz darauf sein kann, weniger schnell zu schrumpfen als andere, kann keine es sich nicht leisten, das Potential des Internets nicht zu nutzen. Dafür sind neben Zeit, Energie und Geld eine schlüssige Strategie notwendig, die alle Möglichkeiten des Internet von den sozialen Netzwerken über Podcasts bis hin zu Blogs mit einbezieht.
